• Joe Knipp

Nachtrag 'Nazi-Echo' zur Diskussion

Aktualisiert: 27. Apr 2018

Die letzte Glosse aus meinem Blog fand große Verbreitung. Das hat mich gefreut, denn der Fall 'Kollegah', ein Fall von Verrohung in Kultur und Sprache, beschäftigt viele Menschen - und das ist gut. Danke für die vielen zustimmenden Reaktionen. Und danke für die Kommentare, die mir bedenkenswert scheinen.


Ein Nachtrag: Einige besonders schlaue Journalisten versuchen nun zu erklären, im Hiphop ginge es eben um Tabubruch und Beschimpfungen, das sei der Sinn der Sache. Das müsse man verstehen. Muss man nicht.

Dieses „Laberlaberlaber kotz, ich bin Hitler, du bist Rotz“ ging mir immer schon schlicht auf die Nerven. Und die Videos mit Geballer, Goldkettchen und Nutten waren schon zu Beginn unerträglich. All das ist zwangsläufig jetzt da gelandet, wo es immer schon hinwollte. Die Überraschung und das Erschrecken sind also doppelbödig. Die Musikindustrie hat genau davon jahrelang gut gelebt und kalkuliert. "Mit Kollegah und Farid Bang sind wir jetzt die Nummer eins in Deutschland", protzte die Bertelsmann Music Group (BMG) zur Preisverleihung. Darum geht es.


Manch nachgeschobene intellektuelle Erklärung völlig ins Leere: ‚Kollegah’ führt eben keinen ‚Battle’ unter Rappern, sondern schießt Salven an Vorurteilen und Gewaltphantasien von oben nach unten, in ein junges Publikum, das getroffen werden soll, um den Mist dann kaufen zu müssen - und nicht nur das - es soll den Mist glauben, es soll genauso labern wie die Vorbilder und das tut es dann auch. Und dann kriegt der Mist auch noch einen Preis. Und ‚Kollegah’ hat immer noch über eine Million Follower. Die fühlen sich in ihrer 'Außenseiter-Rolle' bestätigt und hetzen jetzt gegen die Kritiker. ‚Kollegah‘ glaubt ohnehin an Weltverschwörungen und selbstverständlich an eine gelenkte Presse, aber natürlich nicht an die Evolution. Wie könnte er auch.

Es ist eben ein Unterschied, ob zwei Spatzen miteinander kämpfen oder ein Primat mit der Keule auf sie eindrischt.


Klaus Voormann hat den Preis für sein Lebenswerk zurückgegeben, wie auch andere Ernst zu nehmende Musiker. Respekt. Auch Westernhagen befreit sich von seinen sieben Preisen, obwohl er schreibt, er halte ‚Kollegah‘ nicht für antisemitisch. Ach ja?


Die Muster von Antisemitismus, Gewalt und Respektlosigkeit sind bei Hiphop Dumpfbeuteln wie ‚Kollegah’, die gleichen, wie sie sowohl in fundamentalistischen als auch in Nazi-Kreisen zu finden sind. Es war höchste Zeit dagegen aufzustehen.


Eine Frage wird uns noch länger beschäftigen: Gibt es einen Zusammenhang zwischen Lügen, Verschwörungsgefasel und Kommerz, Seichtheit, kalter Eventkultur, dümmlichem Schlagerkitsch, den Simpeltexten des deutschen Pops und einem immer lauter werdenden Schweigen? Ich denke ja. Und ich hoffe, das Schweigen hat jetzt ein Ende.

DIE MÖWE im Theater am Sachsenring, Köln

Besser Kunst. Besser ins Theater am Sachsenring. Dort gibt es Tschechows "Die Möwe" zu sehen.


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